Wer kurz vor oder in der Rente ist, stellt sich zu Recht andere Fragen als ein 30-Jähriger: Soll ich jetzt noch in ETFs investieren? Wie lange reicht das Geld? Was ist die richtige Entnahmestrategie? Dieser Guide beantwortet diese Fragen ehrlich — ohne Marketingversprechen.
Lohnt sich ein ETF-Sparplan noch mit 60+?
Ja — aber die Strategie muss angepasst werden. Der entscheidende Faktor ist nicht das Alter, sondern der Anlagehorizont. Mit 65 hat man statistisch noch 20+ Jahre Lebenserwartung. Das ist mehr als genug Zeit für einen ETF-Sparplan:
| Startalter | Stat. Lebenserwartung | Noch verfügbarer Horizont | ETF sinnvoll? |
|---|---|---|---|
| 60 Jahre | ca. 84 Jahre | ca. 24 Jahre | Ja — guter Horizont |
| 65 Jahre | ca. 84 Jahre | ca. 19 Jahre | Ja — ausreichend |
| 70 Jahre | ca. 84 Jahre | ca. 14 Jahre | Bedingt — konservativere Mischung |
| 75+ Jahre | ca. 84 Jahre | unter 10 Jahre | Eher Festgeld/Anleihen |
Wer mit 65 in Rente geht und 100.000 Euro hat: Ein Teil davon in ETFs anlegen (für die Jahrzehnte danach) und ein Teil in sichereren Anlagen für den kurzfristigen Bedarf — das ist die Standardempfehlung der meisten Finanzplaner.
Die Entnahme-Strategie: Wie entnimmt man aus einem ETF-Depot?
Es gibt zwei bewährte Methoden:
- Feste monatliche Entnahme: Jeden Monat einen festen Betrag verkaufen (z. B. 500 Euro). Einfach, planbar, aber keine Inflationsanpassung.
- Prozentuale Entnahme (4 %-Regel): Pro Jahr maximal 3–4 % des Depotwerts entnehmen. Bei 200.000 Euro Depot: 6.000–8.000 Euro/Jahr (500–667 Euro/Monat). Historisch hat dieses Niveau das Depot nicht aufgebraucht — es wuchs sogar in den meisten Szenarien weiter.
Die 4 %-Regel basiert auf US-Daten (Trinity Study) und ist konservativ für globale ETF-Portfolios. Mit einem MSCI World bei 3 % Entnahme ist das Risiko des Kapitalverzehrs historisch sehr gering.
Ausschüttende ETFs für Rentner: Natürlicher Cashflow
Für Rentner können ausschüttende ETFs sinnvoll sein: Die Dividenden werden regelmäßig ausgezahlt — als natürlicher Cashflow ohne Anteile verkaufen zu müssen. Ein MSCI World ausschüttend (z. B. iShares MSCI World Dist, IE00B0M62Q58) schüttet ca. 1,5–2 % p.a. aus. Bei 200.000 Euro Depot: ca. 3.000–4.000 Euro/Jahr Dividenden.
Der Vorteil: Du entnimmst nichts aus der Substanz — nur die Früchte. Der Nachteil: 1,5–2 % reicht oft nicht als einzige Einnahmequelle; Ergänzung durch Verkäufe oder andere Einnahmen nötig. Vollständiger Vergleich: ETF ausschüttend vs. thesaurierend — was ist besser?
Sicherheit im Rentenalter: Die richtige Mischung
Für Rentner gilt die Faustregel: Je näher du am Kapital-Bedarf bist, desto sicherer sollte die Anlage sein. Eine bewährte Daumenregel ist das "Lebensalter in Anleihen":
| Alter | Empfohlener ETF-Anteil | Sicherer Anteil | Beispiel (200.000 €) |
|---|---|---|---|
| 60 Jahre | 40 % | 60 % (Tagesgeld/Festgeld) | 80.000 € ETF, 120.000 € sicher |
| 65 Jahre | 35 % | 65 % | 70.000 € ETF, 130.000 € sicher |
| 70 Jahre | 30 % | 70 % | 60.000 € ETF, 140.000 € sicher |
| 75+ Jahre | 10–20 % | 80–90 % | 20.000–40.000 € ETF, Rest sicher |
Was als "sicherer Anteil" in Frage kommt: Sichere Geldanlage 2026 — alle Optionen im Vergleich. Robo-Advisor passen die Portfolio-Gewichtung automatisch an — viele bieten konservative Strategien mit Anleihen-Anteil, die für Rentner gut geeignet sind. Vergleich aller Anbieter im Robo-Advisor Vergleich. Oder nutze den Anlegerprofil-Quiz für eine persönliche Empfehlung.
Steuern im Rentenalter: Günstigerprüfung nutzen
Rentner haben oft einen niedrigeren persönlichen Steuersatz als Erwerbstätige. Das eröffnet eine Möglichkeit: die Günstigerprüfung in der Steuererklärung (Anlage KAP). Wenn der persönliche Steuersatz unter 25 % liegt, kann das Finanzamt Kapitalerträge günstiger als mit der Abgeltungssteuer besteuern — und erstattet die Differenz. Das kann mehrere hundert Euro Erstattung pro Jahr bedeuten. Mehr: ETF Steuern erklärt.