Jahrelang eingezahlt, jetzt kommt die entscheidende Frage: Wie zapfe ich mein ETF-Depot im Rentenalter so an, dass das Geld möglichst lange hält? Die Ansparphase ist erst der halbe Weg — die Entnahme-Strategie ist mindestens genauso wichtig.
Die 4-Prozent-Regel: Bewährt aber nicht heilig
Die bekannteste Faustregel: Im ersten Rentenjahr 4 % des Depotwertes entnehmen, dann jährlich um die Inflationsrate erhöhen. Historisch hat das in den meisten 30-Jahres-Perioden funktioniert, ohne dass das Depot aufgezehrt wurde — die sogenannte "Safe Withdrawal Rate" aus der Trinity-Studie (USA, 1990er).
| Depotgröße | 4 % Entnahme/Jahr | 4 % Entnahme/Monat | Erwartete Laufzeit |
|---|---|---|---|
| 200.000 € | 8.000 €/Jahr | 667 €/Monat | 30+ Jahre (historisch) |
| 300.000 € | 12.000 €/Jahr | 1.000 €/Monat | 30+ Jahre (historisch) |
| 500.000 € | 20.000 €/Jahr | 1.667 €/Monat | 30+ Jahre (historisch) |
| 750.000 € | 30.000 €/Jahr | 2.500 €/Monat | 30+ Jahre (historisch) |
Wichtiger Hinweis: Die 4-%-Regel basiert auf US-Marktdaten. Für europäische Anleger empfehlen Experten eher 3,0–3,5 % als sicherere Grenze — besonders wenn der Rentenzeitraum länger als 30 Jahre sein könnte (frühzeitige Rente).
Flexibler Entnahmeplan: Die bessere Alternative
Statt fixer Prozentsätze passen flexible Entnahmepläne die Auszahlung an die Marktlage an:
- Gutes Börsenjahr: Etwas mehr entnehmen (z. B. 4–5 %)
- Schlechtes Börsenjahr oder Crash: Weniger entnehmen (z. B. 2–3 %), andere Rücklagen nutzen
- Puffer-Strategie: 1–2 Jahre Lebenshaltungskosten auf Tagesgeld als Puffer halten, damit ETF-Anteile nicht im Tief verkauft werden müssen
Die Puffer-Strategie ist besonders wichtig: Das größte Risiko in der Rentenphase ist der sogenannte "Sequence-of-Returns Risk" — wenn die ersten Jahre nach dem Renteneintritt schlechte Börsenjahre sind, kann das das Depot dauerhaft schädigen, weil Anteile zu niedrigen Kursen verkauft werden.
Steueroptimiert entnehmen: Was viele vergessen
Beim Verkauf von ETF-Anteilen fallen Kapitalertragsteuer auf die realisierten Gewinne an. Strategische Optimierung:
- Sparerpauschbetrag ausschöpfen: 1.000 € Gewinne pro Jahr steuerfrei — als erstes entnehmen
- Verlustverrechnung: Schlechte Jahre gezielt für Verlust-Realisierungen nutzen (Tax-Loss-Harvesting)
- Günstigerprüfung: Bei geringem Renteneinkommen kann persönlicher Steuersatz unter 25 % liegen → Anlage KAP lohnt sich
- Teilfreistellung: ETFs auf Aktien haben 30 % der Erträge steuerfrei (Teilfreistellungsquote)
Entnahme über Robo-Advisor automatisieren
Manche Robo-Advisor wie Scalable Capital bieten automatisierte Auszahlungspläne an — ähnlich wie Sparpläne, nur umgekehrt. Du legst fest, wie viel du monatlich ausgezahlt haben möchtest, und der Robo-Advisor verkauft automatisch entsprechende Anteile. Einfach, planbar und emotionsfrei. Alternativ: Depot selbst verwalten und einmal jährlich strategisch Anteile verkaufen. Mehr: ETF-Sparplan im Ruhestand anpassen und wie lange der Anlagehorizont sein sollte. Dein Zieldepot für die Rentenphase berechnen: ETF-Sparplan-Rechner.