Die Rentenlücke: Das Problem, das viele unterschätzen
Wer heute 3.000 Euro netto verdient, kann im Ruhestand im Durchschnitt mit rund 1.410 Euro gesetzlicher Rente rechnen — das entspricht etwa 47 % des letzten Nettogehalts. Die Deutsche Rentenversicherung bestätigt: Das Rentenniveau sinkt langfristig, und die sogenannte Rentenlücke — die Differenz zwischen gewohntem Lebensstandard und tatsächlicher Rentenzahlung — wächst für die meisten Erwerbstätigen auf mehrere hundert Euro pro Monat an.
Das bedeutet im Klartext: Wer heute nicht privat vorsorgt, wird im Alter spürbar einschränken müssen. Die Frage ist nicht ob, sondern wie man vorsorgen sollte.
Warum Riester und Rürup oft enttäuschen
Die beiden bekanntesten staatlich geförderten Produkte — Riester und Rürup — haben ein strukturelles Problem: Kosten und Garantien fressen Rendite.
- Beitragsgarantie: Riester-Versicherungen müssen gesetzlich 100 % der eingezahlten Beiträge garantieren. Das klingt sicher, zwingt Anbieter aber dazu, einen Großteil des Kapitals konservativ anzulegen — mit entsprechend niedrigen Renditen.
- Hohe Abschluss- und Verwaltungskosten: Klassische Riester-Versicherungen kosten im Schnitt 1,5 bis 2,5 % pro Jahr an Effektivkosten. Bei einem 35-Jahres-Zeitraum kostet das Zehntausende Euro an entgangenem Zinseszins.
- Geringe Flexibilität: Wer kündigt, verliert Förderungen zurück und zahlt Stornogebühren. Das macht Riester ungeeignet für Lebenssituationen, die sich ändern.
Rürup (Basis-Rente) hat steuerliche Vorteile für Selbständige und Gutverdiener, ist aber ebenfalls oft teuer und nicht kapitalisierbar — das eingezahlte Geld ist bis zur Rente gesperrt.
Robo-Advisor als Alternative: ETF-basiert, günstig, flexibel
Robo-Advisor investieren hauptsächlich in kostengünstige ETFs und berechnen für die Vermögensverwaltung in der Regel zwischen 0,25 und 0,75 % pro Jahr. Das ist deutlich günstiger als klassische Versicherungsprodukte und ermöglicht eine breite globale Diversifikation.
Die wichtigsten Vorteile für die Altersvorsorge:
- Niedrige Kosten: Gesamtkosten (TER + Verwaltungsgebühr) oft unter 0,5 % p.a.
- Flexibilität: Kein Vertragszwang, Sparplan jederzeit anpassbar, Kapital zugänglich.
- Transparenz: Man weiß immer, in welche ETFs man investiert.
- Rendite: Historisch ca. 7 % p.a. (vor Kosten) beim MSCI World — deutlich über klassischer Lebensversicherung.
Vergleichsrechnung: 100 Euro pro Monat über 35 Jahre
| Produkt | Eff. Rendite p.a. | Kosten p.a. | Endkapital (35 Jahre) |
|---|---|---|---|
| Riester-Versicherung (klassisch) | ca. 1,5 % | ca. 2,0 % | ca. 53.000 € |
| Rürup-Fondspolice | ca. 3,5 % | ca. 1,5 % | ca. 82.000 € |
| ETF-Sparplan / Robo-Advisor | ca. 6,5 % | ca. 0,5 % | ca. 148.000 € |
| Eigener ETF-Sparplan (Broker) | ca. 7,0 % | ca. 0,2 % | ca. 163.000 € |
Annahmen: 100 €/Monat, monatlicher Zinseszins, keine Steuern während der Laufzeit (Steuerstundungseffekt bei Depot).
Der Unterschied zwischen Riester und einem ETF-Robo ist dramatisch: rund 95.000 Euro mehr Endkapital bei gleicher monatlicher Einzahlung. Selbst die Riester-Förderung (bei einem Kind: 175 + 300 = 475 € Zulage/Jahr) gleicht diesen Unterschied kaum aus.
Spezielle AV-Produkte bei Robo-Advisorn
Einige Anbieter haben inzwischen Produkte entwickelt, die die Flexibilität eines Robo-Advisors mit steuerlichen Vorteilen einer Rentenversicherung verbinden:
- myPension: ETF-basierte fondsgebundene Rentenversicherung, volldigital. Kosten deutlich unter klassischer Police, Beitragsgarantie wählbar. Besonders geeignet für Arbeitnehmer, die steuerliche Absetzbarkeit (§ 10a EStG für Rürup) oder Entnahme als Rente wünschen.
- Raisin Pension (ehemals fairr): Rürup-Produkt mit ETF-Investition über verschiedene Versicherungspartner. Kosten bei ca. 0,75–1,0 % p.a., aber steuerliche Abzugsfähigkeit bis 27.566 € (2026, Alleinstehende) möglich.
- quirion: Kein klassisches AV-Produkt, aber als langfristiger ETF-Sparplan für das Depot sehr geeignet. Günstigster regulierter Robo-Advisor Deutschland (ab 0,48 % p.a.).
Steuerfreier Betrag und ETF-Depot vs. Versicherungsmantel
Im normalen ETF-Depot gilt: Gewinne und Dividenden werden mit 25 % Abgeltungsteuer + Solidaritätszuschlag besteuert, aber erst bei Verkauf. Der Sparerpauschbetrag beträgt 1.000 Euro (Einzelperson) bzw. 2.000 Euro (Ehepaare) pro Jahr — steuerfrei.
Beim Versicherungsmantel (fondsgebundene RV) gilt nach 12 Jahren Laufzeit und Auszahlung nach dem 62. Lebensjahr das Halbeinkünfteverfahren: Nur die Hälfte der Erträge wird mit dem persönlichen Steuersatz besteuert. Bei hohen Kapitalbeträgen und niedrigem Steuersatz im Alter kann das vorteilhaft sein.
Entnahmestrategie im Alter: Entnahmeplan vs. Verrentung
Wer ein ETF-Portfolio oder Robo-Depot aufgebaut hat, muss im Alter entscheiden, wie er das Kapital entnimmt:
- Verrentung: Das Kapital wird in eine Leibrente umgewandelt — monatliche Zahlung bis zum Tod, aber das restliche Kapital ist weg (kein Erbe). Planungssicherheit, aber kein Inflationsschutz.
- Entnahmeplan (flexibel): Man entnimmt monatlich einen fixen Betrag aus dem Depot. Das Kapital bleibt investiert und kann weiter wachsen. Risiko: Lange Lebenserwartung + schlechte Börsenphase zu Beginn der Entnahme (Sequence-of-Returns-Risiko).
Die 4%-Regel (entwickelt von William Bengen, 1994) besagt: Wer jährlich maximal 4 % seines Startkapitals entnimmt, hat historisch über 30 Jahre nie das Kapital aufgebraucht — basierend auf US-Aktien- und Anleihedaten. Bei 300.000 Euro Kapital wären das 12.000 Euro/Jahr = 1.000 Euro/Monat, die das Depot historisch überlebt hätte.
Für Deutschland ist Vorsicht angebracht: Andere Bewertungsniveaus, Euro-Währungsrisiko und steuerliche Unterschiede machen eine angepasste Entnahmerate von 3,0–3,5 % realistischer.
Fazit: Robo-Advisor für die Altersvorsorge — sinnvoll, mit Augenmaß
Für die meisten Anleger mit einem langen Zeithorizont (15+ Jahre bis zur Rente) ist ein ETF-basierter Robo-Advisor oder ein eigener ETF-Sparplan die kosteneffizientere Alternative zu klassischen Riester- oder Rürup-Verträgen. Wer die steuerliche Förderung über Rürup nutzen möchte, sollte myPension oder Raisin Pension prüfen — sie kombinieren ETF-Rendite mit dem Versicherungsmantel. Wichtig ist, früh anzufangen: Wer mit 30 statt mit 45 beginnt, spart bei identischer Einzahlung oft das Doppelte bis Rentenalter an.